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Russland: Die Städte
Viel gesehen, viel erlebt

Russland: Die Städte - Viel gesehen, viel erlebt

13.04.2017 von Felix unter Reisen

In diesem dritten Teil meiner Eindrücke aus dem größten Land der Welt geht es um die von mir besuchten Städte. Im ersten Teil geht es um die Anreise, im zweiten Teil um Leben und Leute.

Новочеркасск

Nowotscherkassk ist die 200 Jahre alte Hauptstadt der Don-Kosaken und als solche prachtvoll geplant worden, nachdem das alte 20km entfernte Tscherkassk andauernd vom Don überschwemmt wurde. Die Stadt liegt auf einem Hügel, auf dessen Kuppe die drittgrößte Kathedrale Russlands thront. Außerdem gab es bei meinem Besuch ein vereinsamtes Siegestor, ein Schwimmbad, einen McDonalds und eine abenteuerliche Trambahn. Aufgrund des Niedergangs der Sowjetunion wurden viele Straßen und Häuser seit Urzeiten nicht mehr instandgesetzt, was auch zu abenteuerlichen, unasphaltierten Straßen, unendlich vielen Schlaglöchern und etlichen Ruinen führte. Das Zentrum bestand damals aus einigen wenigen großen Gebäuden, die an zwei großen Prachtstraßen lagen.


Hier fuhrt allerdings keine Trambahn, obwohl die Stadt über drei Linien verfügte. Anscheinend ist der Verwaltung aber irgendwann die Lust, oder das Geld ausgegangen, jedenfalls endeten alle drei Linien mitten am Berg im Nirgendwo. Das Stadtzentrum war auf jeden Fall nur zu Fuß erreichbar. Die zehn Minuten Fußweg zwischen Wohnheim und Universität konnte man aber mit der Trambahn fahren. Eine Fahrt kostete nur acht Rubel (50 Rubel entsprach einem Euro), allerdings sollte man weder leicht seekrank werden noch ängstlich sein. Ab der atemberaubenden Geschwindigkeit eines Fußgängers schaukelte und wackelte die Trambahn nämlich derart, dass es kaum möglich war, sich trotz Haltegriffen stehend in der Bahn aufzuhalten. Die unruhige Fahrt wurde hauptsächlich durch die sehr rustikale Verlegetechnik hervorgerufen. Die Schienen wurden dabei einfach auf den Dreck gelegt – fertig. Den Boden vorher glatt zu machen war „überflüssig“. Weiterhin war es hier auch nicht üblich Schienen bündig miteinander zu verbinden – hier wurden Schienen überhaupt nicht miteinander verbunden. Eventuell auftretende Spalte wurden mit Metallresten, zum Beispiel abgefallenen Radbolzen, die hineingelegt (gelegt, nicht irgendwie festgemacht) wurden, gefüllt. Zur weiteren Sicherung der Strecke fuhr dauerhaft ein LKW durch die Stadt, der die andauernd auftretenden, den Betrieb aber nicht beeinflussenden, Schienenbrüche flickte. Abgerundet wurde das dann noch durch fehlende Schrauben, Bolzen und Verkleidungen an den Wagen selbst. Die mit Netzstrumpfhosen, hochhackigen Schuhen und leichter Jacke bekleidete und mit zu viel Schminke ausgestattete Damen in der letzten Reihe ist normalerweise auch nicht die lokale Person für besondere Dienste, sondern die Schaffnerin. Die entsprechenden Annäherungsversuche sollte man also nicht ausschlagen.


Außerdem gab es natürlich noch den großen Campus der Südlichen Staatlichen Technischen Universität Nowotscherkassk. Die Universität war hier eher wie eine weiterführende Schule organisiert, entsprechend gehörten auch Übungen der Leibesertüchtigung zum Programm, die auf dem universitätseigenen Sportplatz klassenweise durchgeführt wurden. Auch ein kaum besuchtes und stark gechlortes Hallenbad gehörte zum Campus. Um hier allerdings Einlass zu bekommen, musste man Eintrittsmarken kaufen, die streng limitiert und nur unter Vorlage eines amtlichen Passes zu bekommen waren. Der Verkauf der Marken erfolgte für eine Periode im Voraus durch ein vergittertes Fenster aus einem Hinterzimmer des Schwimmbads. Nur durch einige Kontakte war es mir möglich nach einiger Zeit voller Recherche die Eintrittsmarken zu ergattern. Zu diversen Anlässen gab es außerdem im universitätseigenen Theater Aufführungen mit Witzen (die wir nie verstanden haben) und Gesang. Die Gebäude der Universität waren schon 2009 größtenteils renoviert, wirkten allerdings manchmal etwas kahl. Einlass in die heiligen Hallen bekamen Männer nur in langer Hose und geschlossenen Schuhen - das wurde gnadenlos durch Türsteher überwacht. Im Gegensatz dazu hätten Frauen wahrscheinlich auch komplett nackt sein können, oft fehlte da ohnehin nicht mehr viel zu diesem Zustand. In Nowotscherkask hatten wir eigentlich gar kein Internet, es sei denn wir hätten uns einen entsprechenden Internetstick gekauft. In der Universität haben wir pro Monat 50MB bekommen und die Verbindung im Computerraum der Universität war auch nicht wirklich berauschend. Alles in allem also nicht die besten Vorraussetzungen um mit der Welt in Kontakt zu bleiben.


Außerdem erwähnenswert ist die Kathdrale, genauer die drittgrößte Kathedrale Russlands. Diese wurde parallel zum Stadtzentrum errichtet und während der Sowjetzeit als Getreide- und Maschinenlager genutzt, danach aber wieder zu altem Glanz gebracht. Am nordwestlichen Ende der Stadt, an der Straße nach Rostov, befand sich sowas wie das Vergnügungsviertel, bestehend aus einem großen Kinokomplex mit Restaurant und Bar, sowie ein paar Tankstellen und diversen 24h-Kiosken. Man konnteder Stadt ansehen, dass sie für eine Größe und Pracht geplant wurde, die sie nie erreicht hat.


In Nowotscherkassk befand sich auch eine kleine Brauerei, die verschiedene Sorten Bier selbst herstellte. Das Bier wurde ausschließlich im Direktverkauf an den Mann gebracht. Hierfür musste man seine eigenen Plastikflaschen mitbringen, in die dann das Bier an einem Tresen abgefüllt wurde. Dazu konnte man halb getrockneten Fisch kaufen. Beides konnte man dann auf einigen Bänken und Tischen vor der Brauerei verzehren. Ich bin wahrlich kein Biertrinker, daher kann ich zur Qualität überhaupt nichts sagen und halbgetrockneter Fisch war auch nicht meine Leibspeise. Hatte die Brauerei geschlossen gab es ersatzweise immer die Möglichkeit an einem der 24h-Kioske einzukaufen. Im Inneren der wenige Quadratmeter großen Schuppen mitten auf dem Gehweg, war außer Getränken und Lebensmitteln auch irgendwie ein Bett untergracht, auf dem die Verkäuferin schlief, bis man sie mittels wildem Klopfen zum Verkauf ihrer Waren animiert hatte.


Um Nowotscherkassk herum befanden sich eigentlich nur Felder, also keine unberührte Natur mit wilden Bären. In die nächste große Stadt – Rostov – führte eine zweispurige „Autobahn“, die aber mit mindestens drei Fahrzeugen nebeneinander befahren wurde. Die Auffahrt auf die Autobahn konnte aufgrund ungünstiger Straßenverhältnisse aber nur im Schritttempo und mit äußerster Vorsicht befahren werden. Um von Nowotscherkassk nach Rostov zu fahren benutzte man eine in Russland übliche Technik: Man stellt sich an definierten Orten an den Straßenrand und wartet (Paputka). Innerhalb kurzer Zeit halten Autos, man verhandelt über den Preis und schon ist man nach Rostov (oder wohin auch immer) unterwegs. Der Preis zwischen Nowotscherkassk und Rostov hatte sich 2009 dabei auf 40 Rubel eingependelt. Auch das Ende der Fahrt ist an definierter Stelle, es sei denn man bezahlt extra.

Ростов-на-Дону

Rostov am Don ist eine Millionenstadt und devinitiv reicher als Nowotscherkassk. Auch wenn die Randbezirke wie überall nicht wirklich gepflegt waren, so war zumindest die Innenstadt in einem guten Zustand. Dies war nicht zuletzt den zahlreichen Touristen zu verdanken, die im Zuge diverser Flusskreuzfahrten im Hafen von Rostov Halt machten und entsprechend Geld ließen. Alles was in Nowotscherkassk nicht aufzutreiben war, konnte hier besorgt werden. Sogar ein IKEA war in einem Megamarkt vorhanden.

Den Nahverkehr übernahmen hier alte deutsche Busse, die noch immer die deutsche Werbung trugen (darunter auch ein Münchner Exemplar). Außerdem gab es auch hier die übliche Tram, deren Gleise aber fest verlegt waren und nur einen Maximalversatz von bis zu einem Centimeter aufwiesen. Alternativ gab es die üblichen Kleinbusse, bei denen man nie so ganz genau wusste wohin sie jetzt wirklich unterwegs waren und was der Spaß eigentlich kostet.


Außer bei den Ausflügen zu Beginn meines Aufenthalts, ging es immer dann nach Rostov, wenn besondere Dinge zu kaufen waren, wie zum Beispiel Landkarten des Kaukasus oder Bergausrüstung. Hin und wieder haben wir auch versucht das Nachtleben zu erkunden, das war aber nicht immer 100%ig erfolgreich.

Волгоград

Die ersten zwei Monate des Aufenthalts hatten wir fünf Mal die Woche Sprachkurs an der Universität, das reduzierte sich danach zunächst auf drei Mal und endete mit Ende des Semesters nach knapp drei Monaten dann ganz. Aus Gründen, die wir niemals herausbekamen, wurden wir vier Deutschen alleine unterrichtet. Die Professorin/Lehrerin, die nur Russisch sprach und trotzdem hervorragend lehrte, gab sich Mühe für Studenten hin und wieder Exkursionen zu besonderen Veranstaltungen oder Orten zu organisieren. Eine dieser Exkursionen war eine Fahrt zum Tag des Sieges (9. Mai) nach Wolgograd, also dem ehemaligen Stalingrad. Teilnahmeberechtigt waren alle russisch lernenden Studenten und so waren auch bei diesem Ausflug eine große Gruppe Chinesen dabei. Als Special bei dieser Fahrt waren zusätzlich ein Haufen Schulkinder mit von der Partie. Am Tag des Sieges wurden in allen Städten große Militärparaden abgehalten und der Triumph über Deutschland gefeiert. Dass Deutschland besagten Krieg verloren hat, musste man sich zwar generell recht oft anhören, gleichzeitig bestand aber darum auch kein Groll gegen den Deutschen, die ja bekommen haben, was sie verdienten.

Los ging es mit unserer Exkursion an einem Freitag um zehn Uhr abends. Als Transportmittel war ein koreanischer Bus vorgesehen, dessen Sitzabstand für eine Körpergröße bis 1,60 Meter ausgelegt war. Auch die Sitzbreite war eher für Kinder geeignet. Beide Tatsachen waren natürlich werder für die Schulkinder noch für die Chinesen ein Problem, für mich mit 1,95m allerdings schon. Gerade sitzen war sowieso nicht möglich, aber selbst schräg am Gang war es verdammt eng. Entsprechend war auch Entspannen und Schlafen nicht ganz so einfach. Erschwerend kam hinzu, dass irgendjemand den Schulkindern wohl vor Fahrtantritt literweise Kaffee gegeben haben musste, jedenfalls herrschte im Inneren des Busses der Geräuschpegel einer Baustelle und die Hektik eines aufgeschreckten Bienenstocks. Erst lange nach Abfahrt wurde es nach und nach leiser. Kurz nachdem das laute Toben der Schulkinder endlich vollständig abgeebbt war und Ruhe einkehrte, so dass man schlafen konnte, erfüllte auch schon dichter, stechender Rauch das Innere des Busses. Die nun folgende Vollbremsung riss dann auch den Letzten aus dem Schlaf. Sobald der Bus zum Stehen gekommen war, wurde dieser irgendwo im Nirgendwo evakuiert und wir standen ersteinmal abseits der Straße bei frostigen Temperaturen auf einer Wiese. Immerhin war der Winter vorbei... . Fahrer und Reiseleitung versuchten dann zu retten, was zu retten war und stellten dabei immerhin fest, dass es nicht direkt brannte. Die Ursache für unseren nächtlichen Zwischenstopp mit Sternenblick waren heißgelaufende Bremsen in Kobination mit Gummimatten, die aus unerfindlichen Gründen in deren Nähe lagerten. Nachdem dann zuerst die Überreste der Matten entfernt und der Bus anschließend etwas ausgelüftet hatte, ging es ohne weiteren Zwischenfall und Schlafend weiter bis Wolgrograd. Trotz unseres kleinen Halts bei der Anreise, waren wir zwei Stunden zu früh (fünf Uhr) dort. Die Zeit bis zum Eintreffen unseres Führers verbrachten wir mit der Erkundung der unmittelbaren Umgebung Wolgograds: dem Bahnhof.

Knappe zwei Stunden später war die Warterei vorbei und unser Führer in Gestalt einer russischen Stadtmitarbeiterin tauchte auf. Zunächst ging es auf eine Stadtrundfahrt mit unserem Bus. Dabei gab es nur folgende Schwierigkeit: Alle Erklärungen wurden mit sanfter, gleichmäßig säuselnder Stimme auf Russisch vorgetragen. Diese Tatsache führte zum sofortigen Einschlafen der gesamten Reisegruppe. Was wir also alles hätten sehen können, kann ich leider nicht mehr sagen. Auf irgendwelchen Wegen müssen wir auf jeden Fall zum Mamajew-Hügel gefahren sein, jedenfalls wurden wir hier ausgeladen. Der Mamajew-Hügel war in der Schlacht von Stalingrad ein strategisch wichtiger und hart umkämpfter Punkt zwischen dem Stadtzentrum und den großen Fabriken. Dann ging es hinauf zu einer der größten freistehenden Statuen der Welt: Mutter Heimat ruft. Leider war die Statue einsturzgefährdet (und ist es immernoch), so dass wir uns mit einem Blick von unten begnügen mussten. Direkt an die Statue anschließend liegt der große Propagandapark. Kilometerlange Wandreliefs mit markigen Sprüchen zur Verehrung der Heldentaten bei der Verteidigung und Rückeroberung Stalingrads und aller weiterer russischen Städte. Leider hatten wir nicht sonderlich viel Zeit um uns das Ganze im Detail anzuschauen - der Zeitplan war eng gesteckt. Also schnell noch das ewige Feuer begutachtet und schon saßen wir wieder im Bus. Zeitlich perfekt, um direkt zur großen Parade zu fahren, aber die Reiseleitung hatte andere Pläne, nämlich ein Planetarium - warum auch immer.


Nach Begutachtung der deutschen Vorkriegstechnik, die sich für die Projektion verantwortlich zeichnete, haben wir noch einen Film über das Sonnensystem gesehen. Vielleicht hatten wenigstens die Schulkinder davon neue Erkenntnisse. Als wir das Planetarium dann irgendwann wieder verlassen durften, hatten die Panzer, Raketen und sonstiges Material die Stadt schon wieder verlassen. Wir haben also keine Parade gesehen - laut Reiseleitung, die anschließend ihre Provision für das heranschaffen von 40 Leuten bekommen hat, war der Plan eben anders.

Im Anschluss begann die große Stadtrallye. Titel der Führung war wohl „Wolgograd im Laufschritt“, wobei der Wunsch unseres Führers offensichtlich darin bestand den zentralen Teil Wolgograds binnen zwei Stunden zu nehmen. Durch die starke Zerstörung im zweiten Weltkrieg hat die Stadt fast keine historischen Gebäude mehr, was in Kombination mit typischen Plattenbauten aus Sowjetzeiten das Stadtbild nicht sonderlich schön macht. Aber wir haben immerhin noch den leeren Platz gesehen, wo die Militärparade war. Nach Ende des Rundgangs stand dann eine Flussrundfahrt auf dem Programm. Die Wolga ist auch hier ein recht großer Fluss, so dass außer dem Fluss nicht viel zu sehen war, da Wolgograd nur ein paar wenige Kilometer breit, dafür aber fast 80 km lang ist. Nach Beendigung der Kreuzfahrt hatten wir dann zwei Stunden Freizeit, während derer wir gegessen und kurz am Sandstrand der Wolga gesessen haben.


Um 18 Uhr stand dann das zentrale Museum der Stadt auf dem Plan. Dieses ist neben dem einzigen noch aus kriegszeiten erhaltenen Gebäude gebaut, das im damaligen Zustand erhalten wurde um die Zerstörung der Gebäude der Stadt zu veranschaulichen. Neben dem Museum fließt träge die Wolga und auf ihr ziehen die Tragflügelboote ihre Runden. Leider war das Museum zwar mit vielen sehr schönen Exponaten ausgestattet, diese waren aber ohne großen Zusammenhang in den Räumen plaziert, so dass keine Geschichten erzählt wurden und man daher wenig Identifikationsmöglichkeiten hatte. Im obersten Raum des Museums ist als größte Attraktion ein Miniaturschlachtfeld eingebaut, so dass die Schrecken des Krieges veranschaulicht wurden. Nach Besichtigung des Museums war dann wieder zwei Stunden Warten angesagt, bis Salutschuss und Feuerwerk stattfinden sollten. Für den Salutschuss standen am Flussufer schon große Artilleriegeschütze und jede Menge Militär bereit. Letztlich war das Ganze aber dann doch eine große Show, jedenfalls waren die Salutschüsse nur recht große Feuerwerkskörper.


Die Heimfahrt verlief dann mit deutlich mehr Schlaf, auch wenn einer der Schüler so viel getrunken hatte, dass er jede Stunde einmal aufs Klo musste und der Bus in der Zwischenzeit auch nicht größer geworden war. Der Bus hat dann um drei Uhr noch eine Vollbremsung hingelegt, ist wieder 100 Meter rückwärts gefahren, Licht an und die Reiseleiterin meint nur „Hey Leute! Hier ist ein Café!“. Seltsamerweise ist dann da keiner außer ihr hingegangen - gab wohl nicht viel Provision. Um 5:45 Uhr am Morgen war unser Bus dann wieder in Nowotscherkassk und wir sind zum Wohnheim gegangen. Da haben wir dann noch bis kurz nach sechs gewartet, bis es aufmacht und dann war unsere Reise auch zu Ende.

Tscherkassk

Außer den großen Städten der Umgebung bot sich uns auch die Möglichkeit das alte Tscherkassk anzuschauen, also den Vorgänger von Nowotscherkassk. Eigentlich haben wir am Ende gar nicht so viel davon gesehen, weil wir natürlich nicht an irgendeinem Tag dort waren, sondern an einem religiösen Feiertag. Eigentlich sind Russen nicht wirklich religiös - während der Sovietzeit war Religion reine Privatsache und nichts für die Öffentlichkeit. Dennoch fand bei unserem Besuch eine große religiöse Feier statt, die es sehr schwer machte, den Rest des Ortes zu erkunden. Realisitisch gesehen ist es aber auch nur ein normales Dorf.


Таганрог

Taganrog ist eine Stadt am Asowschen Meer, das ein Ausläufer des Schwarzen Meeres ist und zum größten Teil zu Russland gehört. Direkt von Nowotscherkassk fuhr eine Art S-Bahn in überschaubarer Zeit und für sehr überschaubare Kosten die etwa 100km ans Meer. Da das Asowsche Meer aber sehr flach ist und auch nicht sehr groß, wirkte es eher wie ein salziger See. Angeblich war die Wasserqualität auch nicht gerade berauschend. Die Bahnlinie nach Taganrog führte dabei durch flaches Land an winzigen Siedlungen vorbei, die keine Bahnhöfe mit Namen sondern lediglich dem Streckenkilometer haben. Leute welche hier die Bahnlinie überqueren wollten, warteten dabei immer schön auf den Schienen, bis der Zug vorbei war. Was sie bei einem gleichzeitigen Zug auf dem Gegengleis gemacht hätten, bleibt wohl deren Geheimnis. An jedem Halt hatte man außerdem die Möglichkeit von alten Omas Kleinigkeiten zu essen zu kaufen - wir waren also gut versorgt. Wenn keine Siedlungen neben der Bahnlinie lagen, dominierte endloses Grasland, das durch kleinere Flüsse durchzogen war, in denen viele Leute badeten (Wochenende). Wie bei allen Bahnfahrten war auch dieser Zug auf die Minute pünktlich. Die Züge in Russland sind von den Außmaßen auch nur schwer mit ihren mitteleuropäischen Pendants vergleichbar. Sie sind viel länger und transportieren auch deutlich mehr Waren durch das Land. Die Strecken sind stets sehr gut gepfegt. Dabei wird Gestrüpp generell abgefackelt - es ist also keine Seltenheit mit dem Zug durch Feuer zu fahren.


In Taganrog angekommen manchten wir uns auf den Weg zum Markt. Dieser erstreckte sich über mehrere Gebäude und Plätze im Zentrum der Stadt. Hier gab es alles zu kaufen, von Lebensmittel über Bekleidung bis zu Billigspielzeug aus China. Entsprechend viele Leute waren hier unterwegs. Sehr interessant war dabei die Fleischhalle. Hier war tonnenweise rohes Fleisch ausgelegt. Ohne Kühlung - sah aber trotzdem gut aus, abgesehen von den Fliegen. Man hätte das Fleisch also wohl schnellsmöglich konsumieren müssen.


Im Anschluss an unseren Marktbesuch machten wir uns an die Küste auf. Dabei stellten wir fest, dass Taganrog zu einem großen Teil auf einem Hügel über dem Meer liegt. Zunächst waren wir also im Park auf diesem Hügel. Dort waren nicht nur etliche Hochzeiten - es gab sogar einen Hochzeitsparkour der schönsten Fotomotive am Boden aufgezeichnet - sondern auch etliche der typischen Arbeitergruppen zu denen man sich vollkommen freiwillig melden kann. Entsprechend motiviert waren diese Gruppen auch immer. Anschließend beobachteten wir das rege Treiben im Hafen. Hier wurde hauptsächlich Kohle und Gas umgeschlagen, wofür ein recht umfangreiches Schienennetz mit entsprechenden Rangiertätigkeiten vorhanden war. Ebenso waren noch viele alte Hafenkrane vorhanden.


Zuletzt ging es dann an den Strand. Wir hatten uns über schmale verwunsche Pfade durch eine Siedlung nach unten gekämpft und standen an einem felsigen Steilufer. Außer uns waren nur einige Fischerboote dort. Aufgrund des komisch anmutenden Wassers haben wir nicht gebadet, sondern sind stattdessen weiter an einen etwas flacheren Uferbereich und sind dort Pizza essen gegangen und anschließend wieder nach Hause gefahren. Dabei konnten wir die in Russland eingesetzte Technik zur Verhinderung von Autos auf Bahngleisen live erleben. An Bahnübergängen schließen sich bei Herannahen eines Zuges nicht nur die Schranken, es fahren auch Sperren aus dem Boden, die man definitiv nicht einfach so überfahren kann. Wenn man allerdings schon auf den Schienen steht, wird es interessant... .


Кабардинка

Da es ab Mitte Mai temperaturtechnisch kaum noch auszuhalten war (>35°C), führte uns eine weitere Exkursion der russisch lernenden Studenten in den Ferienort Karbadinka. Auch dieses Mal wurde die Reise mit einem Bus absolviert. Im Gegensatz zur Fahrt nach Wolgograd, war dieser Bus aber nicht aus koreanischer Produktion und außerdem waren keine Schulkinder dabei, so dass ich wenigstens zwei Plätze zum Schlafen hatte. Wir waren dann um halb sieben am Morgen da und sind auch gleich an den Strand. Aufgrund der Lage des Ortes und dem stillen Meer gab es hier nur Kiesstrand, aber dann hat man wenigstens den Sand nicht wochenlang in jeder Ritze. Karbadinka ist auch ansonsten ein typischer Urlaubsort, mit Uferpromenade, den dazugehörigen Restaurants, Fahrgeschäften und Diskos. Letztere haben wir nach etlichen Stunden am Strand auch ausgetestet. Im Gegensatz zu sämtlichen Schuppen in Nowotscherkassk gab es hier sehr gute Musik und im Gegensatz zum Rest der Stadt war der Spaß gar nicht so teuer. Unsere Unterkunft war sehr spartanisch und die Zimmer gerade so groß, dass sich die beiden darin befindlichen Zimmer nicht berührten.


Am zweiten Tag waren wir dann am See Abrau-Djurso (Абрау-Дюрсо) im Hinterland von Noworossiysk (Новороссийск). Direkt am Ufer des vollkommen verbauten Sees liegt eine große Sektfabrik, die wir samt Sektprobe besichtigen konnten. Ich habe mich allerdings gegen dieses Sightseeing entschieden und bin die dadurch gewonnenen Stunden alleine um den See gewandert. Die Tour war ganz nett, aber nichts unglaublich besonderes. Die Rückfahrt nach Karbadinka führt sehr schön an der Steilküste entlang. Kaum waren wir zurück ging es auch gleich wieder an die Strandpromenade und die dortigen Diskos (diese machen aus Lärmschutzgründen um zwei Uhr nachts zu).

Der dritte Tag war ein reiner Strandtag, bevor es abends gegen 19 Uhr wieder zurück ging. Folge des frühen Aufbruchs war natürlich, dass wir schon um drei Uhr morgens vor dem Wohnheim gestanden sind. Erstaunlicherweise wurde uns aber aufgesperrt.

Erholungsdörfer

Mehreren russische Gruppen haben uns während unserer Reise zu kleinen Erholungsdörfern am Ufer des Don eingeladen. So ein Erholungsdorf besteht aus lauter kleinen Hütten für jeweils zwei bis vier Personen. Im Inneren ist außer den zwei Betten noch ein Kühlschrank. Die Dörfer liegen sehr idyllisch in kleinen Wäldern direkt am Ufer, das normalerweise aus feinstem Sand besteht. Auf dem Fluss fahren viele große Frachtschiffe, die Waren vom Schwarzen Meer transportieren, weit rausschwimmen ist also nicht.

Tagsüber haben wir die Zeit mit Volleyball und Entspannung verbracht, Abends und Nacht wurde gegrillt und russisches Wasser getrunken. Bei unserem zweiten Ausflug in ein solches Erholungsdorf hatten wir sogar den Luxes gar nichts zahlen zu müssen, weil die Hütten angeblich dem Onkel der Mutter eines guten Freundes usw. gehörten. Gott sei Dank hat jeder von uns auf Verdacht immer fünf Liter Wasser mitgenommen, die sieben Liter die sonst zur Verfügung gestanden hätten, wären für zehn Leute "etwas" wenig geworden.


Sollte dort jemals ein Feuer ausbrechen, bin ich mir allerdings nicht sicher, ob man mit den zur Verfügung gestellten Mitteln das Feuer wirksam bekämpfen könnte. Außer zwei Eimern, einer Kiste Sand und zwei Metallstangen war keine weitere Ausrüstung vorhanden.

Сочи

Im Erdgeschoss des Wohnheims war eine kleine Zahnarztpraxis. Zufälligerweise hatte eine der Töchter der Zahnärztin eine Zeitlang in Österreich studiert, konnte also theoretisch Deutsch. Über diesen Umstand lernten wir die Familie ursprünglich kennen. Außer Mutter und zwei Töchtern in Nowotscherkassk gab es außerdem noch eine Oma in Sochi. Besagte Oma lud uns, zusammen mit Tochter und Enkeln, dann auch eines Tages nach Sochi ein.

Wir gingen also zum Bahnhof Nowotscherkassk und wollten dort eine Fahrkarte erstehen. Da es sich bei dieser Fahrt um eine Fernverbindung handelte, mussten wir beim Kauf der Fahrkarten nicht nur unsere Pässe vorzeigen, sondern auch mittels monetärer Anreize die Schalterbeamtin dazu bewegen uns wahrzunehmen. Bei der Bemessung dieses Anreizes unterstützten uns lokale Russen. Letztlich kosteten uns die Fahrkarten pro Person etwa sechs Euro. Wer jetzt einen kurzen Blick auf die karte riskiert, wird feststellen, dass an diesem Preis absolut nichts auszusetzten war.

Wenig später ging es im Nachtzug los. Wir hatten lediglich Schlafsessel gebucht, die zwar großzügig bemessen waren, aber eben auch nicht so bequem wie ein Bett. Da russische Züge nicht nur über fünf/sechs Wagen verfügen, wie deutsche Züge, ist es immens wichtig am Bahnhof an der richtigen Stelle zu stehen, will man sich nicht Ewigkeiten durch den Zug schlagen. Begriffe wie "umgekehrte Wagenreihenfolge" sind der russischen Bahn fremd, so dass man sich auf den Wagenstandsanzeiger verlassen kann.


Nach 15 Stunden Fahrt erreichten wir gegen Morgen (3:36 Uhr) Sochi. Zunächst erkundeten wir auf eigene Faust die Stadt und versuchten dann noch am Strand etwas Schlaf nachzuholen, bevor wir uns mit der Zahnarztfamilie trafen. Während der Stadtbesichtigung zeigte sich vor allem, dass auch hier Plattenbauten zum normalen Stadtbild gehören. Besonders die großen Hotelburgen fielen negativ auf. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten gibt es in Sochi allerdings etliche schöne Parks, die neben viel Grün auch durch viele Fahrtgeschäfte und Kioske geprägt sind. Leider war auch schon bei unserem Besuch weit vor den olympischen Winterspielen 2014 der Verkehr in der Stadt sehr rege und die Straßen damit deutlich sichtbar überlastet.


Nachdem wir den Rest der Truppe erfolgreich gefunden hatten, ging es für den Rest des Tages an einen der Strände Sochis - Sightseeing war nicht deren Sache. Wie immer ein Kiesstrand, was aber bekanntlich auch etliche Vorteile bietet. Auch die Anzahl anderer Leute hielt sich noch in Grenzen, so dass es doch ein netter Nachmittag wurde.

Für die Nacht hatten wir eine Bleibe in Krasnaja Poljana (Красная Поляна) gebucht, dem Ort in dem alle alpinen Disziplinen der Winterspiele stattfinden sollten. Der Ort selbst liegt etwa 40km entfernt von Sochi in den Bergen. Bei der Busfahrt dorthin waren bereits diverse Bautätigkeiten durch die Fenster sichtbar. Den richtigen Ort zum Aussteigen haben wir auch gefunden, aber dann wurde es kompliziert. Wir hatten zwar Adresse und auch Stadtplan, im Olympiaort haben wir aber außer jeder Menge Bauruinen, Feldwegen und frei laufenden Schweinen wenig gefunden. Erst die Hilfe eines Einheimischen hat uns zu unserer Herberge geführt. Das Hostel war ein großes Haus, in dem eine Familie gewohnt hat. Eines der Zimmer wurde vermietet. Wir haben reichlich zu essen bekommen, das Angebot für 2000 Rubel Jeeping zu machen, oder für 1000 Rubel mit Führer einen Berg zu besteigen, aber abgelehnt. Stattdessen haben wir den Sorgen der Einheimischen zugehört, die von der Zerstörung der Natur durch jede Menge Neubauten nicht gerade begeistert waren. Wie das ganze innerhalb nur fünf Jahren aus dem Boden zu stampfen sei ganz zu schweigen.


Am nächsten Tag sind wir dann zu einem der zwei Lifte im Olympiaort gefahren. Von den 700 Rubeln für eine Bergfahrt abgeschreckt, habe ich dann entschieden zu Fuß nach oben zu gehen. Diese Idee war den reichlich vorhandenen Exkursionsanbietern aber nicht so recht. Um mich von meinem Vorhaben abzubringen wurde zunächst auf die Unmöglichkeit meines Unterfangens hingewiesen. Da ich mich mit Verweis auf den vorhandenen Lift unbeeindruckt gab, wurden als nächstes unüberwindbare Zäune ins Feld geführt, anschließend die unglaubliche Strecke, dann irgendwelche Wachleute, die unerschlossenes Berggebiet bewachen, gefolgt von Grenzsoldaten und zuletzt Bären. Letztlich konnte mich keines der Argumente überzeugen und so bin ich zu Fuß auf den Berg gegangen - wer hätte es gedacht ohne Zäune, Wachen, Soldaten oder Bären. Bevor es wieder bergab ging, wurde noch der Gipfel erkundet, der für Liftfahrer nicht zugänglich war, da diese aus Sicherheitsgründen per Stacheldrahtzaun am Verlassen der Aussichtsplattform gehindert wurden. Das war auch besser so, da etliche Besucher in Flip-Flops und nacktem Oberkörper dort oben waren. Bei nicht mehr als 10°C sicher nicht unglaublich angenehm, besonders die ewige Liftfahrt,. Viel gesehen hat man aufgrund des Wetters aber leider ohnehin nicht. Lediglich ein paar der umliegenden Berge erschienen hin und wieder aus dem Nebel. Von der Leistung des Aufsteigs tief beeindruckt hat uns der Liftaufpasser dann sogar die Fahrt nach unten geschenkt. Der Lift hatte etwa das Tempo eines Maultiers, keine Ahnung, wie man damit olympische Wettkämpfe umsetzen wollte. Ob er abgerissen und ersetzt wurde kann ich leider nicht sagen.


Abends haben wir uns dann noch ein bisschen über die Olympiastadt Sochi, beziehungsweise deren Bewerbung informiert und sind damals zu dem Schluss gekommen, dass das Ganze 2014 wohl in Salzburg stattfinden würde, weil von Null auf 100 in in fünf Jahren wohl nicht zu schaffen sei. Bekanntermaßen hatten wir Unrecht und die Winterspiele 2014 haben tatsächlich in Russland stattgefunden, allerdings gab es dabei auch immer wieder viele kritische Stimmen. Wie das Ganze heute aussieht würde mich in diesem Zusammenhang durchaus interessieren.

Den letzten Tag unseres Sochiausflugs haben wir dann wieder am Strand in Sochi (und diesmal wirklich in Sochi) verbracht. Nicht besonders überzeugend, aber noch akzeptabel. Abends sind wir dann alle zu besagter Oma gefahren, haben dort reichlich gegessen und sind schließlich wieder mit dem Zug Richtung Nowotscherkassk aufgebrochen, wo wir am nächsten Tag um halb zwölf (wie immer pünktlich) angekommen sind.


Von den Reichen und Schönen war insgesamt in Sochi wenig zu sehen und auch insgesamt war es mit dem Tourismus (noch) nicht weit her.

Москва

Unmittelbar nach meiner Tour in den Kaukasus ging es mit dem letzten verbliebenen deutschen Mitstreiter nach Moskau. Auch wenn es auf der Karte nicht so aussieht, war dies bereits Teil meines Rückwegs. Entsprechend hatte ich meine gesamten Habseeligkeiten dabei, die in einem riesigen Koffer und zwei Rucksäcken untergebracht waren - Gesamtgewicht 80kg. Wie immer haben wir als Transportmittel den Zug gewählt. Diesmal allerdings nicht wie nach Sochi Schlafsessel, sondern ganz klassisch dritte Klasse Platzkart. Die dritte Klasse besteht aus einer Art Abteilwagen, nur dass die Abteile keine Türen haben und der Gang nicht am Rand des Wagens verläuft, sondern etwas Richtung Mitte versetzt, so dass am Rand noch Betten längs zur Fahrtrichtung hinpassen. In einen Abschnitt passen also insgesamt sechs Betten. Diese Art des Reisens ist zwar unschlagbar billig, man muss im Gegenzug aber natürlich mit der mangelnden Privatsphäre klarkommen. Wir hatten sehr nette Nachbarn, so dass die Reise von Nowotscherkassk nach Moskau kein Problem war und sehr angenehm verlief.

Gleich vorweg: Für mich persönlich war Moskau nicht die ultimative Stadt. Das direkte Zentrum um den Kreml war zwar meistens akzeptabel hergerichtet, aber sobald man in eine Seitenstraße ging, konnte man die Auswirkungen des Sozialismus hautnah erleben - auch im Zentrum. Hinzu kamen die nicht besonders hübschen "Prachtbauten", die eher zur Tristesse als zum Glanz beigetragen haben. Da sich dann auch noch im angeblich luxoriösten Kaufhauf Russlands (Gum) die Fliesen auflösten, war mein Eindruck perfekt. Zusätzlich zu den architektonischen Verfehlungen kam noch die Tatsache, dass Studenten zwar theoretisch freien Eintritt zu diversen Museen hatten, wir aber trotz russischem Studentenausweis nicht als russische Studenten galten und deshalb den Ausländerpreis zahlen sollten, der mindestens doppelt so hoch wie der Normalpreis für Russen war. Haben wir natürlich nicht gemacht, man muss ja nicht jeden Mist mitmachen.

Die schönsten Stellen Moskaus sind auf jeden Fall die U-Bahnhöfe, die sogenannten Paläste der Arbeiterschaft. Zwar ist es äußerst unangenehm 80kg Gepäck ohne Rolltreppen oder Aufzüge zu befördern, aber das war ja nur bei An- und Abreise der Fall. Ansonsten ist die U-Bahn eine hervorragende Möglichkeit sich in der Stadt fortzubewegen. Man sollte nur bedenken, dass der Abstand zwischen zwei Haltstellen nicht, wie in Deutschland üblich, nur wenige Kilometer beträgt. Wir waren öfter der Meinung nur mal eben schnell zur nächsten Station zu laufen, anstatt die Strecke zu fahren. Dabei konnte man zwar viel von Moskau sehen, war aber auch entsprechend lang unterwegs. Besonders eindrucksvoll musste ich das lernen, als ich in einer Nacht nach Betriebsschluss von einem Club zurück ins Hostel gelaufen bin. Die wenigen Stationen U-Bahnfahrt waren zu Fuß ein mehrstündidger Marsch durch das nächtliche Moskau. Das war zu Beginn sogar noch ganz nett, wurde aber nach zwei Stunden dann nicht mehr so angenehm. Letztlich bin ich nicht viel früher im Hostel gewesen, als diejenigen, die bis zur ersten U-Bahn gewartet hatten.

Insgesamt waren wir vier Tage in Moskau und übernachteten in einem kleinen aber guten Hostel anmens Chocolate. Das Hostel war wirklich sehr nett. Insgesamt haben dort etwas weniger als 20 Leute übernachtet, dazu zwei Bäder und Toiletten, sowie eine schöne kleine Küche und ein Essbereich mit ausreichend Plätzen. Das Hostel hat erst im Juni (also zwei Monate zuvor) aufgemacht, so dass trotz dem üblichen russischem Pfusch noch alles gut ausgesehen und funktioniert hat.

Drei der vier Tage verbrachten wir mit Wanderungen durch die Stadt, einen der Tage waren wir auf der MAKS, die zufälligerweise ebenfalls 2009 stattfand. Ursprünglich hatte ich erwartet, dass unser Ausflug für 500 Rubel in einem riesigen Chaos endet, da die Organisationsgabe russischer Veranstalter normalerweise eher gering ist. Bei diesem Mal haben sie sich aber richtig reingehängt. Direkt am Ausgang der S-Bahn wurde man auf verbotene Gegenstände kontrolliert, danach warteten geschätzte 1000 Busse, mit denen man dann zum eigentlichen Gelände gekarrt wurde. Dort war ein richtig breiter Eingangsbereich angelegt, mit dem es tatsächlich möglich war 600000 Menschen innerhalb weniger Stunden auf das Gelände zu schaffen. Auch die Rückfahrt war komplett ordentlich - und ich würde sogar sagen besser als so mache deutsche Großveranstaltung - durchorganisiert, dafür waren aber auch etwa 10000 Polizisten und Soldaten beteiligt, die zum Beispiel an jeder Straßenkreuzung dafür gesorgt haben, dass die Shuttlebusse direkt durchfahren konnten.

Flugzeuge gab es natürlich auch noch und dazu noch etliches an anderem militärischem Material wie FLAK- und SAM-Panzer und zuletzt auch noch Weltraumtechnik (Raketen, Sateliten). Von MIG, Suchoi, Tupulev und Ilyushin wurden die neusten Entwicklungen vorgestllt, die zum Teil sogar tatsächlich geflogen sind. So hatte ich endlich die Möglichkeit die schöne MIG-29 in vielen Ausführungen in echt gesehen. Natürlcih waren auch viele alteuropäische Hersteller und Fliegerstaffeln anwesend, die den gesamten Tag über ihre Kunststücke am Himmel vollführten. Im Gegensatz zu deutschen Flugshows wurde Sicherheitsabstand hier auch überbewertet, so dass man seh nah an den Vorstellungen sein konnte.

Außer der Flugshow haben wir natürlich zunächst das gesamte Touri-Programm durchgezogen, das im Wesentlichen aus dem Zentrum mit Kreml, Gum und den großen Kirchen bestand. Der rote Platz war bei unserer Tour zwar wegen irgendeinem Militär-Event zur Hälfte (längs) gesperrt, man konnte aber glücklicherweise trotzdem gut darüberlaufen und die hohen Mauern sowie die anschließende Kirche bewundern. Zusätzlich zu diesem Standardprogramm haben wir natürlich auch etwas abgelegenere Orte besucht, darunter das Olympiastaion, dass eine fast unendliche Strecke außerhalb des Zentrums liegt. Außerdem besitzt Moskau noch eine große Zahl Parks, die teilweise durchaus nett anzusehen sind. In Moskau, dem sovietischen Zentrum der Raumfahrt, befindet sich außerdem ein sehr großes Weltraummuseum. Da mussten wir selbstverständlich auc hin.

Zusammenfassend würde ich Moskau als nett, aber insbesondere architektonisch wenig überzeugend bezeichnen. Das mag sicher auch an Napoleon liegen, da eine direkte Folge seines Russlandfeldzugs auch die vollständige Zerstörung Moskaus durch ein Feuer war. Trotz dieser Tatsache ist Moskau einfach sehr groß, so dass man entsprechend viel Zeit dort verbringen kann.

St. Petersburg

Nach vier Tagen Moskau war es an der Zeit weiter nach Norden zu fahren. Auch diesmal sind wir Zug gefahren und auch diesmal wieder dritte Klasse. Zwischen Moskau und St. Petersburg verkehren sehr viele Züge, da diese beiden Städte entsprechend bedeutend sind. Trotzdem sind die Fahrzeiten natürlich relativ lang.

Um fünf Uhr morgens kamen wir in St.Petersburg an. Das Hostel dort war etwas anders organisiert: Wie viele Leute dort wirklich wohnen war schwer auszumachen, jedenfalls mindestens drei Mal so viele, wie Sitzmöglichkeiten vorhanden waren. Dank irgendeinem Abkommen mit der EU konnte man auch ohne Visa drei Tage mit dem Schiff in St. Petersburg sein. Diesen Umstand nutzten ein paar äußerst unsympathische Spanier und Engländer dazu, sich den lieben langen Tag zu betrinken. Das Ausmaß und die daraus resultierende Art war nach sechs Monaten Russland etwas viel - ich hoffte die folgenden Nächte passabel verbringen zu können. Insgesamt wirkte das Hostel mehr wie eine Massenunterkunft, als eine putzige Schlafmöglichkeit, was aber durch die perfekte Nähe zum Moskauer Bahnhof und damit zum Zentrum ausgegelichen wurde.

Eine Bekannte aus Nowotscherkassk war bei einer Freundin in St. Petersburg und diesen Umstand nutzten wir, um von ihr durch die Stadt geführt zu werden. Insgesamt war St. Petersburg deutlich schöner als Moskau und auf jeden Fall eher eine Reise wert als Moskau. Da die Stadt nicht zerstört wurde, gab es alte Gebäude und außerdem Bauvorschriften, so dass das Stadtbild homogen und schön war. Es war wirklich jedes Haus renoviert und nett anzusehen, sogar die etwas versteckt liegenden Gebäude waren in einem akzeptablen Zustand. Alle Hauptstraßen waren immer gepfelgt und in eine guten Zustand. Hat man das Zentrum verlassen, änderte sich die Situation allerdings radikal - die Häuser waren teilweise so heruntergekommen, wie in jeder anderen Stadt auch und insbesondere in den Außenbezirken dominierten die Plattenbauten aus sovietischer Zeit. Ich würde jedem Russlandurlauber (der nur kurz hier ist) Petersburg empfehlen und nicht Moskau. Die gesamte Altstadt wurde hier von namhaften Architekten erbaut und hat Petersburg früher nicht zu unrecht zu einem der angesehensten Metropolen gemacht.

Wie auch in Moskau ist die Metro beziehungsweise deren Bahnhöfe alleine mindestens einen Tagesausflug wert. Außerdem kann man unglaublich viel Zeit in der Erimitage verbringen, so etwas wie dem Louvre Russlands. An den Wänden hängen unendlich viele Kunstwerke aus vielen Jahrhunderten. Aber selbst wer keine Motivation für das Betrachten alter Gemälde hat, kann viele Stunden lang den Boden anstarren. Über zigtausend Quadratmeter erstrecken sich hier Parketböden - jedes einzelne Zimmer in einem anderen Muster und in verschiedenen Farben gelegt. Unglaublich aber wahr: Hier hatte man tatsächlich freien Eintritt (als Student)! Ok, wollte man ein Buch kaufen, so kostete das auf russisch nur die Hälfte wie in einer anderen Sprache, aber man kann ja nicht alles haben. Eine Fotolizenz kostete 200 Rubel, aber das lohnte sich nicht, weil die Räume entweder unglaublich dunkel, oder die Bilder spiegelnd beleuchtet waren.

Leider hatten wir während dem gesamten Aufenthalt schlechtes Wetter mit teilweise starkem Regen, so dass die täglichen Wanderungen durch die Stadt oftmals sehr nass endeten. Den einzigen wirklich schönen Tag verbrachten wir im Versaille Russlands, etwas außerhalb von St. Petersburg. Die Schlossanlage ist wirklich schön hergerichtet und bei gutem Wetter auf jeden Fall ein Besuch wert. Das wussten zwar auch viele andere Leute, aber so ist das bei solchen Orten. Um diesen schönen Tag ausklingen zu lassen, waren wir dann noch am Sandstrand der Neva.

Bei der Fahrt nach St. Petersburg gab leider der Trolly mehr oder weniger den Geist auf, jedenfalls konnte ich ihn nur noch über den Boden schleifen, aber nicht mehr ziehen - sprich die Räder waren hinüber. Das sollte aber kein Problem darstellen, weil auf jedem Markt in Russland und daher auch mitten in St. Petersburg solche formschönen Oma-Wagen verkauft wurden. Wichtig war nur stets die Preise zu vergleichen und in jedem Fall zu handeln. So erstanden wir neben meinem Omawagen auch zwei originale Samoware für zusammen unter 1000 Rubel.

Helsinki

Von St. Petersburg sollte meine Reiste alleine weitergehen. Ich wollte von Helsinki mit dem Schiff nach Rostock und die letzten Kilometer wieder mit der Bahn zurück nach München fahren. Hierzu hatte ich bereits in St. Petersburg das Schiff und die Bahnfahrt gebucht. Für die Strecke von St. Petersburg nach Helsinik gab es einen privaten Anbieter, der Reisewillige über Nacht beförderte. Den genauen Abfahrtsort und die Abfahrtszeit herauszufinden, war dank russicher Unterstützung in endlicher Zeit möglich, so dass ich dann mit vollem Gepäck Richtung Europa aufgebrochen bin.

Ich habe mir für 750 Rubel ein Ticket für den privaten Bus gekauft, der tatsächlich gleich um die Ecke von Hostel losgefahren ist. Leider hatte die Dame mal wieder kein Wechselgeld, weshalb ich mir bei der Ankunft die restlichen 100 Rubel Rückgeld holen sollte. Irgendwann ging die Fahrt im relativ neuen, ehemals französischen Reisebus los und um etwa drei Uhr waren wir dann auch an der russisch-finnischen Grenze. Die Russen haben den ganzen Bus pinibel durchsucht und sind dabei natürlich auch auf meinen 50kg schweren Koffer gestoßen, den ich mittels Reepschmüren professionell auf den Omawagen geschnallt hatte. Ich wurde also aus dem Wartehäuschen zum Bus zitiert und die Sache erlären. Nach kurzem Gestammel, war dem Zöllner klar, was sich im inneren befindet und vor allem dass das Gepäckstück keinem Russen gehört und damit eigentlich uninteressant ist. Die finnische Grenzkontrolle war da weniger spektakulär: Die Miene des Zöllners hat sich deutlich aufgehellt, als er einen europäischen Pass zu Gesicht bekommen hat, den Pass durch irgendeinen seltsam anmutenden Scanner gezogen - fertig. Keine Gepäckdurchsuchung, keine Fragen bezüglich Freimengen, nichts. Ich hätte also schön ein 50 Liter Fass Wodka einführen können, oder durch den Verkauf von Zigaretten reich werden können.

Am Morgen um fünf Uhr waren wir dann in Helsinki (Zeitumstellung) und ich wurde am Hauptbahnhof abgesetzt. Natürlich habe ich vergessen mir meine 100 Rubel zu holen, also war die Busfahrt mal wieder 2,50€ teurer. Nach nicht allzu langem Fußmarsch - der Omawagen hat sich hier bewährt, auch die zusätzliche Bodenfreiheit - stand ich dann vor dem Hostel. Für 25€ pro Nacht bekommt man hier das, was ich die letzten Monate im Wohnheim hatte: Alles alt, zwar sauber, aber oft beschädigt. Die Hostels in Moskau und St. Petersburg waren dagegen hammer, aber das ist eben der Preisunterschied zwischen Europa und Russland. Um meinen Hunger zu stillen bin ich nach Abgabe meines Gepäcks auf die Suche nach einem Supermarkt gegangen. Tatsächlich habe ich nicht weit vom Zentrum einen riesigen Supermarkt gefunden. Zumindest in diesem Moment war er riesig - ich war da ja anderes gewohnt. Richtig interessant wurde es dann aber im Inneren: Ich kam zum Käseregal und wurde von der Auswahl komplett erschlagen. Etwa 200 Sorten Käse, am Stück, geschnitten, gerollt, was auch immer, jedenfalls stand ich da eine ganze Weile, weil ich mich weder entscheiden konnte, noch mit den Europreisen zurecht kam und erst recht die Auswahl nicht gewöhnt war. Ein etwas anderes Einkaufen als in Russland, wo es genau einen russischen Käse gibt. Am Stück. Fertig. Auch zwei Tage später hatte ich mich auch noch nicht wirklich an das riesige Angebot gewöhnt.

Ich hatte mich vorher überhaupt nicht über die Möglichkeiten in Helsinki informiert, aber einfach mal vier Tage für die Stadt eingeplant. Gleich im Zentrum war eine sehr schöne Touristeninformation, an der ich mir zunächst einen kostenlosen Stadtführer holte, der verschiedenste Touren zu Fuß durch Helsinki enthielt. Da ich das Gehen gewohnt war, suchte ich mir passende Touren raus, die zusammen zwischen 25 und 30km hatten und insgesamt alle Gebite der Stadt abdeckten. Das Zentrum, um den alten Haufen, mit den Fischhallen, dem Rathaus und den vielen kleinen Straßen war wirklich sehr schön anzusehen. Auch das alte Olympiagelände und die winzigen Sternwarte hatten ihren eigenen Reiz. Obwohl es sich definitiv nicht um eine Kleinstadt handelte, wirkte Helsinki trotzdem irgendwie ein bisschen so - zumindest im Zentrum. An meinem letzten Tag bin ich dann auch hinaus auf die vorgelagerte Insel gefahren, um das dortige Fort anzuschauen. Hier waren deutlich mehr Toursiten unterwegs, trotzdem war es realistisch betrachtet fast leer. Das alte deutsche U-Boot, das etwas versteckt an einem Ende der Insel leigt, hätte ich fast übersehen.

Meine letzte Aufgabe bestand dann noch darin, mein per E-Mail erhaltenes Schiffsticket auszudrucken und eine Verbindung zum Hafen zu finden. Da ich kein einziges Wort Finnisch konnte und nich immer nicht kann, stellte ich mich auf ein schwieriges Unterfangen ein. Als ich in der lokalen Niederlassung der Schifffahrtsgesellschaft auch noch eine Rentnerin am Schalter erblickte, war ich mir sicher mein Unterfangen würde scheitern. Mein vorsichtiger Versuch auf Englisch wurde allerdings in perfektem Englisch erwiedert, alle meine Wünsche und Fragen prompt erledigt und entgegen meiner Erwartungen war ich nach kürzester Zeit fertig und bereit für den letzten Teil meiner Reise außerhalb Deutschlands. Am Abend ging es dann per Bus zum Fährhafen etwas außerhalb Helsinkis, wo auch schon mein Schiff vor Anker lag. Ich hatte für die 27-stündige Überfahrt einen Schlafsessel für 49€ gebucht. Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass ich wohl der Einzige in dieser Kategorie war und daher einen kompletten Schlafsaal für mich hatte. Dieses Tatsache nutzte ich natürlich und schlief statt im Sessel auf meiner Matte am Boden - sowohl die Matte, als auch den Schlafsack hatte ich ja noch dabei. Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Schifffahrt etwas Action bieten kann, Windstärke neun war dafür eine gute Vorraussetzung. Die Ostsee ist aber wohl für Wellen irgendwie vollkommen ungeeignet, jedenfalls hat sich das Schiff praktisch nicht bewegt. Insofern verlief die Überfahrt vollkommen problemlos und ich kam wohlbehalten in Rostock an.

Rostock

Ich kam leider sehr spät in Rostock an, lange nachdem der letzte Zug Richtung München den Bahnhof verlassen hatte. Hinzu kam, dass ich ja auch erst einmal vom Hafen zum Bahnhof kommen musste. Hierfür schaffte ich es irgendwo auf der Ostsee Handyempfang zu bekommen und so ein Rostocker Anrufsammeltaxi zu bestellen, das tatsächlich am Hafen auf mich gewartet hat. Mit dem Kleinbus ging es dann an den Bahnhof, wo ich mir allerdings noch fünf Stunden um die Ohren schlagen musste. Zunächst unterhielt ich mich mit einem Afrikaner, den ich auf dem Schiff kennengelernt hatte, dann begann ich Fotos zu machen. Das wurde wohl von einer Kamera erfasst, jedenfalls stand nicht viel später der Bundesgrenzschutz neben mir und dem Afrikaner und wollte Papiere sehen. Nach einer Ermahnung war die Sache aber schon wieder überstanden.

Am Morgen ging es dann von Rostock mit dem Regionalzug nach Hamburg und dann per ICE direkt nach München und dann war die halbejährige Russlandreise auch plötzlich vorbei.



Im nächsten und letzten Teil geht es um meine Erlebnisse im Kaukasus -->Teil 4

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